Zwei Fährschiffe und ein guter Geist|Erzählung von Kapitän Falk Eitner

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Die Fährverbindung zwischen Sylt und Röm hatte durch Streik, Misswirtschaft und Eigentümerwechsel harte Zeiten hinter sich, als ich im März 1980 meinen Dienst bei der Förde Reederei auf den Schiffen „Westerland“ und „Vikingland“ begann.

In diesen schwierigen Anfangsjahren bekam ich öfters Besuch von meinem kleinen Freund Boris auf den ich mich immer besonders freute. Er war damals etwa fünf Jahre alt, und seine Eltern brachten ihn in List an Bord der Fähre, wo er bei mir einige Überfahrten auf der Brücke verbrachte.

Sein Platz war neben dem Kompass auf „seinem“ Hoch-Stuhl, von dem er einen guten Überblick übers Meer hatte. Er war dann mein Steuermann und musste mir alle Schiffe melden die er sah, besonders die Piratenschiffe mit der Totenkopfflagge am Mast. Um die Schiffe besser unterscheiden zu können bekam er auch sein eigenes Fernglas das immer griffbereit neben ihm lag.

Auf einer der Fahrten fragte er mich einmal: „Was machen wir denn wenn die Piraten kommen um unser Schiff zu entern?“ Wir versuchen schneller als sie zu sein, und laufen ihnen davon antwortete ich. Dass wir keine Kanonen an Bord der Fähre hatten um uns zu verteidigen wusste er. „Wenn die Piraten aber schneller sind als wir?“ „Dann hilft uns sicher unser guter Schiffsgeist. Letztes Mal schickte er uns so dicken Nebel dass die Piraten uns nicht mehr sehen konnten.“

Dafür, dass er gemeinsam mit der Besatzung auf Schiff und Passagiere aufpasst, erhält er jeden Tag ein Stück Zucker vom Kapitän. Eine Weile war es still neben dem Kompass, dann sagte Boris : „Das glaube ich nicht.“ „Du kannst dich ja davon überzeugen“ erwiderte ich, „Mach doch mal den Deckel von der Ruderanlage auf.“ Er brauchte einen Hocker um an den Deckel zu kommen und ihn zu öffnen, dann sah er das Zuckerstück auf einem Putzlappen neben dem Öleinfüllstutzen liegen. „Kann man den Schiffsgeist auch sehen?“ Boris ließ nicht locker. „Nein“ sagte ich, „sehen kann man den Schiffsgeist nicht, nur ab und zu, wenn alles ruhig ist auf dem Schiff kann man ihn leise murmeln hören.“

Jetzt war Boris überzeugt. Jedes mal wenn er zu mir an Bord kam guckte er zuerst in die Ruderanlage um zu sehen ob der Schiffsgeist seinen Zucker schon abgeholt hatte. Wenn kein Zucker mehr auf dem Putzlappen lag schickte ich ihn in den Salon, und am Buffet bekam er anstandslos neuen Zucker für den Schiffsgeist.

Fast die gesamte Besatzung kannte die Geschichte von Boris, unseren guten Schiffsgeist und dem Zucker. Bis auf einen – unser alter Chief Frank, ein feiner Kerl. Morgens, vor der ersten Tour kam er auf die Brücke um die Maschinenanlage klar zu melden und sah nach dem Ölstand in der Ruderanlage. Natürlich sah er auch das Stück Zucker auf dem Putzlappen, dann sahen wir beide uns stumm an, er klappte den Deckel zu und ging kopfschüttelnd wieder in seinen Maschinenraum.

Dieses Spiel wiederholte sich bis er pensioniert wurde. Als er von Bord ging fragte er mich nach den Sinn des Zuckers, und ich erzählte ihm die Geschichte von dem guten Schiffsgeist der täglich sein Stück Zucker bekommt. Er sagte auch diesmal nichts, aber ich konnte in seinem Gesicht lesen dass er sich freute jahrelang mit einem guten Schiffsgeist zusammen gefahren zu sein.

Im Sommer 2005 wurden „Westerland“ und „Vikingland“ stillgelegt und zum Verkauf angeboten, ihren Dienst übernahm das neue Schiff, die „Sylt Express“. Mitte 2006 kaufte eine Reederei von den Fidschi Inseln die „Westerland“. Sie schickte im Oktober eine 11-köpfige Crew von Suva nach Havneby um das Schiff zu übernehmen.Mein Freund Steen Hansen und ich erklärten uns gerne bereit die Fidschi-Besatzung auf dem Schiff einzuweisen. Drei Wochen brauchten wir in Havneby bis wir alles gut um Griff hatten, dann sollte das Schiff von uns nach Husum in die Werft überführt werden.

Zwischen zwei Wetterfronten entschloss ich mich die Reise mit der neuen Besatzung anzutreten. Als wir das Lister-Tief erreichten hatte der Wind wieder zugenommen, alles von West, Stärke 7-8 mit hoher See. Das Schiff knallte in die Wellen und rollte wie toll, alles flog durcheinander, zudem wurde es noch schnell dunkel. Die Fidschi-Crew sagte gar nichts mehr. Zu allem Unglück rief Steen aus dem Maschinenraum an, die Abgastemperatur lagen über 600 Grad, also viel zu hoch, und er konnte den Fehler nicht finden. Also runter mit der Fahrt, und mit nur 6 Meilen Fahrt ging es weiter.

Endlich waren wir raus aus dem Lister-Tief, ich musste weiter nach Westen laufen, rein in die Nordsee. Der Wind kam weiterhin aus West mit Stärke 8 und hohen Wellen. Um nach Husum zu kommen hätte ich Süd steuern müssen, was aber nicht ging, weil wir dann Wind und Wellen von der Seite gehabt hätten. Also weiter nach Westen Ablösung gab es für Steen und mich nicht, denn nur wir kannten Schiff und Nordsee. Wir brauchten zwanzig Stunden bis Husum, normalerweise bracht man zehn Stunden.

Am nächsten Tag wird die „Westerland“ eingedockt, und als sie trocken fällt sehen wir warum die Maschinen so heiß wurden:während der langen Liegezeit in Havneby hatten Muscheln beide Propeller dicht besetzt.

Für die Überfahrt in die Südsee wurde zum Schutz vor der See das Wagendeck mit einem Eisenschott abgeschlossen, die Fenster bekamen Stahlblenden, die Bunkerkapazität wird von 40 auf 120 Tonnen erhöht und noch vieles mehr.

Die Probefahrt war für den 21. November angesetzt. Auf dem Weg nach Husum traf ich Petra, eine der Stewardessen mit der ich viele Jahre gefahren bin, und ich fragte sie nach Zuckerstücken für den Schiffsgeist der „Westerland“. Sie bringt mir alles was sie finden kann es sind 62 Stücke und wünscht den Fidschi's eine glückliche Reise. Das wird genug sein sage ich, Die Besatzung rechnet mit 55 Tagen für die Überfahrt.

Die Probefahrt verlief gut, alles funktionierte, und am nächsten Tag sollte die große Reise losgehen. Ich bat den Kapitän uns seine Besatzung auf das Wagendeck. Das Wetter war „grau in grau“, es regnete, und der Wind hatte wieder zugenommen. Die Stimmung war verhalten, alle hatten großen Respekt vor der Nordsee und der langen Reise. Dann erzählt ich ihnen die Geschichte von dem guten Schiffsgeist, der die „Westerland“ und und uns so viele Jahre begleitet hatte. Ich übergab dem Kapitän die Zuckerstücke für den Schiffsgeist mit der Auflage ihm täglich eines hin zulegen und wünschte ihnen eine gut Reise.

Während meiner Rede war es ganz still geworden, und ich spürte dass ich die Herzen der Männer erreicht und ihnen Mut für die lange Überfahrt gemacht hatte. Ich ging mit sehr gemischten Gefühlen von Bord der „Westerland“ 23 Jahre hatte ich gerne auf diesen Schiff gefahren.

Im Januar 2007 erhielten wir endlich per E-Mail die Nachricht dass die Crew der „Westerland“ wohlbehalten in Suva auf den Fidschi-Inseln angekommen war.

Sie waren 62 Tage unterwegs.

 
 

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